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Lufteinteilung - Zug statt Druck?

Lieber Harmonikafreund,

gerade für Außenstehende ist es unverständlich wie auf der Steirischen Harmonika das mit der Lufteinteilung funktioniert. Selbst Akkordeon-spieler haben Respekt vor dem Umgang mit dem Balg. Du weißt zumindest, dass man bei der Harmonika nicht einfach drücken und ziehen kann wie und wann man will, sondern sich nach den Harmoniewechseln richten muss.

Als Harmonikalehrer ist mir sehr oft aufgefallen, dass nicht nur Anfänger Schwierigkeiten mit der Lufteinteilung haben, sondern teilweise auch noch erfahrene Spieler. Es ist also immer wieder Thema bei mir im Unterricht und auch bei Seminaren.

Ich möchte Dir im Laufe von diesem Workshop ein paar hilfreiche Tipps geben wie Du Deine Lufteinteilung beim Spielen besser kontrollieren kannst und Dir auch bewusst machen, welchen negativen Einfluss gewisse Spielweisen auf die Lufteinteilung, bzw. den Luftverbrauch haben.

Es ist mir weiters wichtig, ganz von der Basis an zu beginnen. So wird es durchaus der Fall sein, dass Du vieles schon weißt und idealerweise richtig einsetzt. Der Workshop soll nämlich auch Spieler abholen die sich erst wenige Wochen oder Monate mit der Steirischen Harmonika beschäftigen. Daher werde ich mich zu Beginn mit theoretischen Grundlagen beschäftigen.

Eines kann ich gleich vorausschicken: Wenn Spieler mit der Lufteinteilung Probleme haben, ist in den wenigsten Fällen das Instrument der ausschlaggebende Grund dafür. Man sollte immer zuerst bei sich selbst schauen woran es liegen kann, weshalb einem die Luft ausgeht. Du kannst und sollst lernen mit dem auszukommen was Dir zur Verfügung steht.

Natürlich stoßen wir trotz Qualitätsinstrument und optimaler Spielweise immer wieder an die Grenzen und genau das ist dann die Herausforderung an den Spieler oder den Lehrer diese Situation so zu lösen, dass letztendlich nicht die Musik darunter leidet.

Wodurch entsteht das Luftproblem bei der Steirischen Harmonika überhaupt?

Das hängt natürlich ganz stark mit der wechseltönigen Bauweise des Instruments zusammen. Wie Du ja weißt erklingt auf der Bassseite, wenn wir von einer Reihe ausgehen, auf Druck die Tonika (auch I. Stufe genannt) und auf Zug die Dominante (auch V. Stufe genannt). Bei einem GCFB Instrument in der 2. Reihe z.B. C-Dur auf Druck und G-Dur auf Zug (Bb-Taste), in der 3. Reihe z.B. F-Dur auf Druck und C-Dur auf Zug (Cc-Taste), usw. Bei einem BEsAsDes Instrument in der 2. Reihe z.B. Es-Dur Dur auf Druck und B-Dur auf Zug (Bb-Taste), usw.

Einfache Volksmusikstückl bestehen zum Teil nur aus Tonika (I. Stufe – Druck) und Dominante (V. Stufe – Zug). Sind jetzt mehrere Takte auf der Tonika (Druck) zu spielen als auf der Dominante (Zug) führt es unweigerlich dazu, dass die Luft mit Fortdauer des Stückes immer knapper wird, oder gar ausgeht.

Für die meisten Spieler ist es dann die einfachste Lösung die Lufttaste zu betätigen. Da die Lufttaste in solchen Situationen gerne, oder gezwungener Maßen erst im letzten Moment verwendet wird, führt es dazu, dass die Melodiephrase unterbrochen wird. Das ist aus musikalischer Sicht natürlich weniger gut.

Verschärft wird das Ganze, wenn im Musikstück auch noch die Subdominante (IV. Stufe) vorkommt und diese auch noch auf Druck gespielt werden soll. Dann erhöhen sich nämlich die Anzahl der Takte die auf Druck gespielt werden nochmals und das Problem mit der Luft wird noch akuter.

In der Zeit wo es weder schriftliche Aufzeichnungen in Notation, noch Griffschriften für die Steirische Harmonika gab, wussten sich nur die „geschickten“ Spieler zu helfen. Sie umgingen dieses Problem, indem sie die Subdominante auf Zug spielten.

Beim Dur-System waren/sind es die Bässe auf der Innenreihe, beim Moll-System z.B. statt Bb auf Druck → Cc auf Zug. Bei all jenen die dies nicht wussten, kam die Lufttaste zum Dauereinsatz. Du kannst Dir vorstellen, dass dies für den musikalischen Fluss nicht sehr dienlich war. Mit der ersten Griffschrift von Prof. Max Rosenzopf und den ihm nachfolgenden Autoren löste sich dieses Problem weitestgehend.

Welche Faktoren haben Einfluss auf den Luftverbrauch?

Artikulation/Notenwerte

Die Notenwerte selbst haben nur wenig Einfluss auf den Luftverbrauch. So verbraucht eine Ganze Note sogar eher weniger Luft als vier Viertel Noten, die im selben Zeitmaß und Lautstärke gespielt werden. Der Grund dafür ist, dass die Stimmzunge am Beginn des Tones (Einschwingungsphase) etwas mehr Luft benötigt bis sie klingt.

Den großen Unterschied bezüglich des Luftverbrauchs macht die tatsächliche Tondauer aus. Zwischen breit (tenuto) gespielten Viertel Noten oder kurz (staccato) gespielten Viertel Noten ist dieser eklatant. Der Grund ist ganz einfach zu verstehen: Es sind die Pausen zwischen den Tönen. Bei Achtel Noten ist der Unterschied nicht mehr so groß.

Übung:
Spiele vier Ganze Noten in einem beliebigen Metrum z.B. M=60 (Schläge pro Minute) in derselben Spielrichtung und beobachte wie viel Luft Du dabei verbrauchst. Bei jedem Atemzeichen gehst Du in dieselbe Ausgangsposition breite oder kurze Viertel, dann Achtel, usw. Vergleiche nun den unterschiedlichen Luftverbrauch. Achte darauf, dass Du immer in derselben Lautstärke spielst, sonst verfälscht es das Ergebnis.

Einstimmig - mehrstimmig

Ebenso logisch ist es, dass eine einstimmige Melodie weniger Luft verbraucht als eine zwei-oder dreistimmige Melodie. Denn bei jedem einzelnen Ton werden zwei oder drei Stimmzungen in Schwingung versetzt. Folglich ist es nur logisch, dass jeder zusätzliche Ton automatisch mehr Luftverbrauch bedeutet. So werden 3- oder 4-stimmige Passagen nicht nur vom Greifen her
anspruchsvoller, sondern auch von der Lufteinteilung her.

Übung:
Nehme nun zu Testzwecken diese vier Takte der dreistimmigen Melodie und spiele diese zuerst dreistimmig. Nach diesen vier Takten bringst Du den Balg wieder in dieselbe Ausgangsposition. Danach lässt du, wie im nebenstehenden Beispiel, eine Stimme weg.

Vergleiche nun den Luftverbrauch. Dasselbe machst Du dann bei der 1-stimmigen Melodie in der dritten Zeile. Auch hier müssen natürlich sowohl das Tempo als auch die Lautstärke beibehalten werden.
Du kannst das mit beliebigen Passagen aus Deinem Spielrepertoire ausprobieren.

Tonhöhe

Grundsätzlich ist es so, dass ein tieferer Ton mehr Luft verbraucht als ein höherer. Das hat in erster Linie mit den unterschiedlichen Größen der Stimmzungen zu tun. Eine größere Stimmzunge hat eine größere Masse die bewegt werden muss, die Stimmzunge schlägt weiter aus und sie hat insgesamt eine größere Öffnung wo die Luft hindurch fließen kann.

Bei sehr hohen Tönen kann das je nach Qualität des Instruments und der Stimmplatten allerdings wieder in die Gegenrichtung gehen. Diese benötigen verhältnismäßig mehr Luftdruck damit sie überhaupt zu schwingen beginnen. Insgesamt hat also auch die Stimmung einer Harmonika sehr wohl Einfluss auf den Luftverbrauch.

Eine BEsAsDes ist um eine kleine Terz höher als eine GCFB Harmonika. Folglich wird eine GCFB bei gleicher Qualität und Spielweise etwas mehr Luft verbrauchen als eine BEsAsDes-Harmonika. Noch größer ist der Unterschied zu einer FBEsAs-Harmonika. Diese klingt nochmals um einen Ganzton tiefer als eine GCFB.

Übung:
Nimm wiederum einige Takte einer einfachen zweistimmigen Melodie und spiele diese in derselben Lage, aber auf den verschiedenen Reihen Deines Instrumentes. Wie schon in der vorherigen Übung bringst Du nach diesen vier Takten den Balg wieder in dieselbe Ausgangsposition. Vergleiche erneut den Luftverbrauch.

Wenn Du möchtest kannst Du nun dieselbe Melodie auch in die tiefere und höhere Oktave transponieren. Vergleiche auch den Luftverbrauch in verschiedenen Dynamikstufen.

Begleitung

Die Begleitung ist gerade bei Anfängern neben der fehlenden Erfahrung mit dem Umgang des Balges eines der Hauptverursacher von übermäßigem Luftverbrauch. Selbst erfahrene Spieler unterschätzen die Auswirkung der Begleitung und geben dann oftmals dem Instrument die Schuld.

Die Begleitung besteht zum einen aus dem Basston und zum anderen aus dem Akkord. Die Basstöne haben die größten Stimmzungen und die Akkorde bestehen aus mehreren Einzeltönen. Beide benötigen also verhältnismäßig viel Luft um ordentlich zu klingen.

Bei den meisten Volksmusikstückln und Tanzformen wird die Begleitung kurz gespielt, was auch den Luftverbrauch in Grenzen hält. Spielst Du z.B. nur den Bass immer breit erhöht sich der Luftverbrauch kontinuierlich in jedem Takt. Bei langen Phrasen gleicher Spielrichtung kann Dir dann schon mal die Luft sprichwörtlich ausgehen.
Wenn es mit der Luft knapp wird, überprüfe ob Du die Begleitung wirklich kurz spielst.

Übung:
Spiele 4-taktige Begleitmuster mit kurzen und breiten Bässen und vergleiche den Luftverbrauch. Spiele danach einmal bewusst einen Teil eines Stückes mit einer breiten Begleitung und vergleiche dann den Luftverbrauch, wenn Du die Begleitung danach kurz spielst.

Lautstärke

Mehr Lautstärke bedeutet automatisch mehr Energieverbrauch, was in unserem Fall mit mehr Luftverbrauch gleichzusetzen ist. Dabei ist der Luftverbrauch bei ansteigender Lautstärke bei tiefen Tönen wesentlich höher als bei hohen Tönen. Das kannst Du ganz leicht feststellen indem Du einen 3-stimmigen Akkord in der Oberlage der dritten Reihe abwechselnd 4 Zählzeiten leise und laut spielst.

Danach machst Du dasselbe eine Oktave tiefer und dann noch auf der Bassseite mit der Begleitung. Was ich immer wieder bei meinen Schülern feststelle ist, dass sie, wenn es mit der Luft knapp wird, lauter werden anstatt leiser. Das ist aber eine ganz natürliche Reaktion, der man nur durch gezieltes Üben entgegenwirken kann.

Übung:
Suche Passagen wo Dir öfters die Luft ausgeht und spiele diese in verschiedenen Dynamikstufen. Regle bei dieser Übung den Luftverbrauch bewusst nur durch die Änderung der Lautstärke.

Tempo

Auch das Tempo hat natürlich einen Einfluss auf den Luftverbrauch. Das merkst Du vor allem wenn Du noch ziemlich am Anfang Deiner „Harmoniker-Karriere“ stehst. Da braucht alles noch ein bisschen länger und Du musst die Stücke im Lerntempo spielen.

Auch fortgeschrittene Spieler merken dies immer, wenn sie ein neues Stück einlernen möchten. Der höhere Luftverbrauch ergibt sich ja nur daraus, weil wir den Balg beim langsamen Spielen längere Zeit in einer Spielrichtung bewegen. Hier machen dann viele den Fehler, dass sie zu früh das Tempo steigern.

Ich empfehle vorher zu überprüfen ob nicht doch durch eine kürzere Begleitung oder einer geringeren Übe-Lautstärke Luft eingespart werden könnte.

Übung:
Suche Passagen wo Dir öfters die Luft ausgeht und spiele diese in verschiedenen Tempo.

Instrument

Wie schon anfangs erwähnt ist nicht immer das Instrument schuld, wenn Du mit der Luft nicht auskommst. Es ist aber klar, dass auch das Instrument sehr wohl den Luftverbrauch begünstigen kann. Gerade als Anfänger solltest Du hier nicht am falschen Platz sparen, sonst bringt Dir Dein neues Hobby möglicherweise nicht den Spaß, den Du Dir erwartet hast.

Wenn Du mit einem Fahrrad den Berg hinauf oder hinunter fahren möchtest wirst Du Dich vermutlich auch nicht für ein Mountainbike ohne Federung mit nur 5 Gängen entscheiden. Bedenke: Ein gutes Instrument bleibt immer ein gutes Instrument – dagegen bleibt ein schlechtes Instrument immer schlecht. Hier lohnt sich meistens nicht einmal eine Reparatur.

Welche Faktoren beim Instrument für den Luftverbrauch eine Rolle spielen erfährst Du im zweiten Teil des Workshops. Dort zeige ich Dir auch spezielle Übungen und Techniken, wie Du praktisch jedes Stück ohne Verwendung der Lufttaste spielen kannst.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Ausprobieren und Experimentieren!

Dein,
Johannes Petz

Praxisbeispiele zum Workshop

Workshop als Download: