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Teil 2 - Lufteinteilung - Zug statt Druck?

Lieber Harmonikafreund,

nachdem du in der letzten Ausgabe des Workshops anhand einiger Übungsbeispiele testen konntest, wie sich die unterschiedlichen Spielweisen auf den Luftverbrauch auswirken, möchte ich dieses Mal die technische Seite des Instruments beleuchten. Ich möchte gleich zu Beginn des Workshops aber trotzdem nochmal darauf hinweisen, dass es in erster Linie auf die richtige Spielweise und das richtige Führen des Balges ankommt. Hier liegt in den meisten Fällen, zumindest aus meiner Erfahrung als Lehrer, das Problem mit der Luft begraben. Ein Instrument mit wenig Luftverbrauch kann natürlich einiges ausgleichen, aber es löst nicht das Problem an sich. Schau daher immer zuerst bei dir selbst, ob du zum Beispiel durch die Verbesserung deiner Begleittechnik den Luftverbrauch reduzieren kannst, ohne dass dabei der Klang des Instruments oder das Musikalische darunter leidet.

Und nun zum Instrument und dessen Tonerzeugung.

Im Volksmund wird die Steirische Harmonika oft zur Familie der Tasteninstrumente gezählt, weil ja Tasten bzw. Knöpfe gedrückt werden müssen, damit Töne und Akkorde erklingen. Was Viele aber nicht wissen ist, dass es auch eine wissenschaftliche Einteilung der Instrumente gibt, welche sich rein nach dessen Tonerzeugung orientiert. So gehört die Steirische Harmonika, so wie auch alle anderen Balginstrumente, zur Gruppe der Aerophone (Luftklinger). Das sind Instrumente, bei denen die Töne durch schwingende Luft erzeugt werden. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass ohne Luft auch keine Töne produziert werden können. Sie wissen sicherlich auch, dass die Tonerzeugung durch so genannte freischwingende Durchschlagzungen erfolgt. Das bedeutet, dass durch das Drücken oder Ziehen des Balges die Luft durch die Stimmplatte gedrückt wird und so die Stimmzunge in Schwingung versetzt wird. Die schwingende Stimmzunge macht den Ton für uns hörbar. Je nachdem wie schnell die Stimmzunge schwingt klingt der Ton höher oder tiefer. Bei tiefen Tönen ist nicht nur die Stimmzunge größer. Sie schwingt auch langsamer. Grundsätzlich gilt: Je tiefer ein Ton, desto höher der Luftverbrauch.

Wichtige Faktoren, welche einen Einfluss auf den Luftverbrauch haben:

• Größe des Balges und seine Dichtheit
• Qualität der Stimmplatten
• Einstellung der Stimmzungen
• Abnützung der Ventile, Filze, Klappen

Der Balg ist sozusagen die Lunge, oder der Luftspeicher der Harmonika. Je größer ein Balg, desto mehr Luft kann er aufnehmen und auf Druck wieder abgeben. Ausschlaggebend für die Größe des Balges ist in erster Linie die Bauweise der Harmonika. Eine 3-reihige Harmonika hat durch das kleinere Gehäuse automatisch auch einen kleineren Balg, als eine 4-Reihige. Zur Gehäusegröße kommt auch noch dazu, wie weit sich der Balg auseinanderziehen lässt. Dafür sind die Anzahl der Balgfalten und deren Tiefe verantwortlich. Die meisten Hersteller bauen bei 4-reihigen Instrumente Bälge mit 15 – 17 Balgfalten. Und zu guter Letzt spielt auch die körperliche Beschaffenheit des Spielers eine gewichtige Rolle. Groß gewachsene Menschen sind hier klar im Vorteil, weil ihre Arme eine größere Reichweite haben. Allerdings nützt Ihnen der größte Balg nichts, wenn er sich in einem schlechten Zustand befindet und undichte Stellen aufweist, aus denen Luft ungewollt entweichen kann. Eine kleine Reparatur oder gar ein Tausch des Balges könnte hier Abhilfe schaffen.

Qualität des Stimmenmaterials

Das in einer Harmonika verbaute Stimmenmaterial hat ebenfalls einen großen Einfluss auf den Luftverbrauch. Gerade in diesem Bereich gab es in den letzten Jahrzehnten eine große Weiterentwicklung. So ist heute die Qualität auch bei den günstigeren Stimmplatten eine wesentlich bessere als im Vergleich zu vor 40 Jahren. Der geringere Luftverbrauch der heutigen Stimmplatten liegt in der präziseren Herstellung und Verarbeitung. Grob gesagt gibt es beim Stimmenmaterial vier Qualitätsstufen. Je höher die Qualitätsstufe, desto geringer der Luftverbrauch. Das schlägt sich auch im Preis nieder. Deshalb solltest du dich bei Fachleuten genau informieren, welches Stimmenmaterial verbaut ist, bevor du dich für den Kauf einer neuen, oder gebrauchten Harmonika entscheiden. Für einen Laien ist nämlich nicht erkennbar, welche Stimmplatten verbaut sind. Bei Michlbauer-Modellen wird das immer ganz klar kommuniziert und deshalb im Shop, im Geschäft und in den Katalogen auch angegeben.

Richtige Einstellung der Stimmzungen

Wenn du eine Harmonika mit gutem Stimmenmaterial besitzt und gewisse Töne trotzdem verhältnismäßig viel Luft verbrauchen, könnte es eventuell an der Einstellung der Stimmzunge liegen. Es könnte sein, das der Ton z.B. nicht so gut anspricht und deshalb in der Einschwingphase der Zunge übermäßig viel Luft verbraucht. Hier besteht ebenfalls die Möglichkeit den Luftverbrauch zu verringern, indem die Stimmzunge auf die Spielweise des Spielers eingestellt wird. Auch das solltest du absoluten Fachleuten überlassen und nicht selbst herumbasteln. Das Nachstellen von Stimmzungen kann in den meisten Fällen von unserem Harmonikamacher, Dominic Schedler in Reutte gemacht werden, oder z.B. im Zuge eines Servicetages in den Niederlassungen in Weyregg und Gasen. Selbstverständlich werden diese Arbeiten auch direkt von den Harmonika-Herstellern Novak und Strasser erledigt.

Erhöhter Luftverbrauch durch Abnützung

Oft sind es aber einfach nur Abnützungs- oder Alterserscheinungen, die zu einem höheren Luftverbrauch führen. Bei jeder Stimmplatte sind Ventile aus Kunststoff oder Leder montiert, die mit den Jahren auch ermüden oder nicht mehr so geschmeidig funktionieren. Auch die ganzen Dichtungen bei den Tasten und dem Balg sind aus Naturmaterialien und unterliegen einer normalen Abnützung. Deshalb solltest du deine Harmonika von Zeit zu Zeit von Fachleuten durchchecken lassen. Auf einem gut funktionierenden Instrument zu spielen macht nämlich wesentlich mehr Spaß und es geht auch leichter.

Das war jetzt nur ein kleiner Einblick in das Innere einer Harmonika. Es gäbe hier noch viel mehr zu erzählen. Dies würde allerdings den Rahmen dieses Workshops sprengen. Mir war es allerdings wichtig dir das in aller Kürze einmal näher zu bringen, weil diese Dinge von außen oft nicht sichtbar sind. So kann sich ein vermeintliches Schnäppchen aus dem Internet schnell einmal als ein Fehlkauf herausstellen.

Zug statt Druck, oder Druck statt Zug?

Die Steirische Harmonika ist ja aufgrund ihrer Wechseltönigkeit ein ganz spezielles Instrument. Wie du mit dem Spielen begonnen hast, warst du sicherlich auch immer wieder einmal verärgert, dass dir die Luft ausgegangen ist, oder dass du Druck mit Zug verwechselt haben. Auch mir ist es so ergangen, als ich im Jahr 2003 als Erwachsener mit dem Harmonikaspielen begonnen habe. Doch mit Zeit und der entsprechenden Erfahrung weiß man ganz genau, bei welchem Stück man wie viel Luft holen muss und wo die kritischen Stellen betreffend mit der Luft sind. Trotzdem gibt es vielleicht immer wieder Stücke, wo du an deine Grenzen stößt und nicht weißt, wie du das Luftproblem lösen kannst. Hier sind dann gute Griffschrift- oder Notenarrangements sehr hilfreich, die genau diese Problematik berücksichtigen und wo die Balgwechsel so notiert sind, dass man möglichst ohne Lufttaste auskommt. Denn das Drücken der Lufttaste ist nicht nur hörbar, sondern unterbricht sehr oft den Fluss der Melodie. Genau das war bei den Bearbeitungen und Kompositionen von Florian Michlbauer immer schon ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Florian hat sowohl bei leichteren, als auch bei schwierigeren Stücken immer darauf geachtet, dass der Spieler mit der Luft möglichst auskommt. Dafür weicht er in bestimmten Takten, welche an und für sich auf Druck gespielt werden, auf Zug aus und umgekehrt.

Ich habe für dich nun einige einfache Übungen zusammengestellt, die sich genau mit dieser Thematik befassen. Für routinierte Spieler ist das natürlich nur eine Auffrischung. Wenn du dich allerdings damit noch nicht so beschäftigt hast, wirst du feststellen, dass du dadurch mehr Flexibilität erreichen und sich dir ganz neue Möglichkeiten des Instruments eröffnen.

Schlusswendungen auf Druck und Zug

2/4-Takt Schlusswendungen (Druck/Zug)

Je nachdem wie ein Stück harmonisch aufgebaut ist kann es sein, dass mehr Takte auf Druck, als auf Zug gespielt werden müssen. Mit Fortdauer des Stückes werden Sie unweigerlich Luftprobleme bekommen. Hier besteht die Möglichkeit, einzelne Takte auf Zug statt auf Druck zu spielen.

Bei der ersten Übung geht es darum den Schlusstakt zu variieren. Finde noch weitere Schlusswendungen, die du dann sowohl auf Druck, als auch auf Zug spielen kannst.

3/4-Takt Schlusswendungen (Druck/Zug)

Spiele auch diese Schlüsse im ¾-Takt. Beginne direkt mit dem zweiten Schluss, weil dieser eventuell neu und daher noch ungewohnt für dich ist. Den Basslauf auf Zug kannst du nur spielen, wenn deine Harmonika mit einem entkoppelten H-Bass ausgestattet ist. Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann spiele einfach Ccc C.

Ich empfehle dir sämtliche gebräuchliche Schlusswendungen auswendig zu lernen und falls vom Instrument her möglich auch jeweils in der Druck- und Zugvariante. Damit wirst du, was die Luft angeht, viel flexibler!

Kleiner Walzer (Druck/Zug-Variationen)

Bei der natürlichen Spielform auf der Steirischen Harmonika ist es so, dass man die Tonika (I. Stufe) und die Subdominate (IV. Stufe) auf Druck spielt und die Dominante (V. Stufe) auf Zug. Hier überwiegen die Takte, welche auf Druck gespielt werden müssen deutlich. So ist es zwar leicht spielbar, hat allerdings den Nachteil, dass Sie entweder am Beginn mit viel Luftreserve starten müssen, oder unterm spielen die Lufttaste betätigen müssen, vor allem wenn Sie das Ganze auch noch langsam spielen oder wiederholen möchten.

Tonika auf Zug

Um die Druck-Takte zu reduzieren hast du hier nun die Möglichkeit die letzten zwei Takte des ersten Schlusses auf Zug zu spielen und so wieder genügend Luft für die Wiederholung in den Balg aufzunehmen.

Suche zu Übungszwecke leichte Stücke heraus, bei denen Sie ebenfalls so vergehen.

Tonleiter mit Akkorden (Druck/Zug)

Als abschließende Übung habe ich für dich die zweistimmige Tonleiter mit der jeweiligen Druck-/Zug-Variante notiert.
Mit dieser kannst du nun wortwörtlich spielen.
a) Spielen wie es notiert ist (jeden Ton auf Druck und Zug)
b) Nur jeweils den ersten Ton jeden Taktes (alles auf Druck)
c) Nur jeweils den zweiten Ton jeden Taktes (alles auf Zug)
d) Mischen Sie b) und c)

Ennstaler Polka (Druck/Zug-Variationen)

Anhand der einfachen Ennstaler Polka möchte ich dir zeigen, wie flexibel die Steirische Harmonika in Bezug auf das Druck-/Zug-Spiel ist.

In der ersten Zeile ist es so notiert wie es auch im Normalfall gespielt wird.
Die Tonika (I. Stufe) auf Druck und die Dominate (V. Stufe) auf Zug. Die Druck-/Zug-Takte halten sich die Waage.

Im Beispiel zwei ist jeweils der Schlusstakt, was ja die Tonika ist, auf Zug gespielt. Jetzt überwiegen die Zug-Takte. Wenn du das Stück in dieser Variation mehrmals wiederholst, wird dir mit Sicherheit der Arm zu kurz werden.

Im dritten Beispiel beginne ich die Tonika auf Zug und wechsle dann im dritten Takt bei der Dominante auf Druck. Obwohl du hier keine Luftprobleme bekommen würdest, weil die Takte gleichmäßig auf Druck und Zug aufgeteilt sind, wird das natürliche Druck-/Zug-Spiel der Harmonika komplett missbraucht. So auch im vierten Beispiel.
Erfinde noch weitere Varianten und kombiniere diese miteinander.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Ausprobieren und Experimentieren!

Dein,
Johannes Petz

Empfohlene Spielliteratur

Workshop als Download: